581,17 Euro. So viel weniger Rente bekommt eine Frau in Deutschland im Schnitt jeden Monat verglichen mit einem Mann. Diese Rentenlücke zwischen Frauen und Männern bezeichnet man als “Gender Pension Gap” oder Altersvorsorgelücke. Was das genau ist, was die Ursachen dafür sind und was sich ändern muss, zeigt dir dieser Artikel.
Was ist die Gender Pension Gap?
Die Gender Pension Gap misst, wie viel weniger Rente Frauen im Vergleich zu Männern bekommen. Der Durchschnittswert in Deutschland: 24,2 Prozent. In Euro sind das 581,17 Euro, die Frauen über 65 im Monat weniger zur Verfügung haben als Männer.
Darin eingerechnet ist die Hinterbliebenenrente, also die Rente, die Frauen ausgezahlt bekommen, wenn ihr Ehepartner stirbt. Ohne diese Zusatzrente oder ohne Ehepartner fällt die Rente von Frauen noch geringer aus: Die Gender Pension Gap liegt ohne die Hinterbliebenenrente bei 36 Prozent, umgerechnet sind das 853,33 Euro weniger im Monat.
Diese Zahlen beziehen sich nur auf die gesetzliche Rentenversicherung, die staatliche Rente in Deutschland. Genau genommen müsste man auch private und betriebliche Renten mit in die Gender Pension Gap einrechnen, doch dafür fehlen verlässliche Daten. Klar ist trotzdem: Männer arbeiten im Schnitt mehr, verdienen mehr und können so auch mehr Geld investieren. Deshalb fällt die private und betriebliche Altersvorsorge bei ihnen ebenfalls höher aus.
Wie groß die Folgen der Gender Pension Gap sind, zeigt eine andere Zahl: 21,3 Prozent der Frauen ab 65 Jahren gelten in Deutschland als armutsgefährdet, bei Männern sind es 17,3 Prozent. Kein Wunder, dass sich der Satz „Altersarmut ist weiblich“ so hartnäckig hält.
Warum Frauen weniger Rente bekommen: die Gender Pay Gap
Hauptursache und Beschleuniger der Gender Pension Gap ist die Gender Pay Gap, also die Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. In Deutschland verdienen Frauen im Schnitt 16 Prozent weniger pro Stunde als Männer.
Umgerechnet sind das etwa 4 Euro weniger pro Stunde. Nach einem Achtstundentag kommt da schon einiges zusammen. Nach einem Monat, einem Jahr oder einem ganzen Arbeitsleben wird aus diesen 4 Euro eine so große Summe, dass die Rentenlücke am Ende deutlich größer ausfällt als die Verdienstlücke.
Das gilt allerdings nicht für ganz Deutschland: In den ostdeutschen Bundesländern sind sowohl Gender Pay Gap als auch Gender Pension Gap deutlich geringer als im Westen. Der Grund: Frauen haben dort historisch mehr gearbeitet und weniger lange Erziehungspausen gemacht als in Westdeutschland.
Doch woher kommt die Gender Pay Gap eigentlich? Die Ursachen sind komplex und vor allem nicht individuell. Mädchen machen im Schnitt bessere und höhere Schul- und Universitätsabschlüsse als Jungs. Trotzdem verdienen Frauen am Ende weniger.
Ein Teil der Erklärung liegt in der Berufswahl: Frauen arbeiten häufiger in Branchen, die strukturell schlechter bezahlt werden. Ein Effekt, der im Gender Pay Gap nur teilweise erfasst wird. Der Vergleich macht es deutlich: Wer als Erzieherin arbeitet, wird anders bezahlt als jemand in der Unternehmensberatung, bei Beförderungen genauso wie beim Bonus am Jahresende.
Gründen heterosexuelle Paare eine Familie, gehen bis heute mehr Mütter in Elternzeit als Väter. Und das setzt sich fort: 73,7 Prozent aller Mütter arbeiten anschließend in Teilzeit, bei den Vätern reduzieren nur 9,1 Prozent ihre Stunden. Diese Teilzeit-Arbeit wird auch Teilzeit-Falle genannt, denn ist die Aufteilung der Care-Arbeit in einer Familie einmal aufgesetzt, lässt sie sich nur schwer wieder verändern. Aus Teilzeit-Arbeit wird so am Ende Teilzeit-Rente.
Auch Frauen, die keine Mütter werden wollen oder können, spüren diesen Effekt: Sie bekommen plötzlich weniger Jobangebote und werden seltener befördert, weil eine mögliche Schwangerschaft sie ja beruflich ausfallen lassen könnte. Genau das zeigt, wie wichtig es wäre, dass Kinderplanung Frauen und Männer beruflich gleichermaßen betrifft, statt Frauen mit diesem Stereotyp zu benachteiligen.
Auch politische Anreize drängen Familien noch immer in traditionelle Rollenverteilungen. Das Ehegattensplitting - eine Steuerregel, die Verheiratete gemeinsam veranlagt und dabei besonders Paare mit sehr unterschiedlichem Einkommen finanziell begünstigt - unterstützt die „Einverdienerehe“: Eine Person, meistens der Mann, arbeitet viel und verdient viel, die andere verdient nur wenig in Teilzeit dazu. Auch wer diese Rollenverteilung eigentlich ablehnt, kann sich das Geld des besser verdienenden Partners im Zweifel finanziell nicht leisten wegzulassen.
Diese Ursachen wirken nicht nur auf die gesetzliche Rente. Wer weniger verdient und häufiger in Teilzeit arbeitet, hat auch weniger Geld übrig, um privat oder über den Betrieb fürs Alter vorzusorgen. So kommt zur gesetzlichen Rentenlücke eine private Rentenlücke hinzu und die Gender Pension Gap wächst zusätzlich.
Für Frauen bedeuten all diese Ursachen am Ende nicht nur eine geringere Rente, sondern auch finanzielle Abhängigkeit. Wer jahrelang unbezahlte Care-Arbeit übernommen hat, findet nicht von jetzt auf gleich einen gut bezahlten Job und kann es sich im Zweifel buchstäblich nicht leisten, sich zu trennen.
Was kannst du tun gegen deine Gender Pension Gap?
Auch wenn diese Strukturen einen großen Einfluss haben: Frauen können ihre eigene Gender Pension Gap trotzdem verändern. Der größte Hebel dabei ist Finanzbildung. Wer über Gender Gaps, die Teilzeit-Falle und Investieren Bescheid weiß, kann früh gegensteuern. Hier ist, was du tun kannst:
Offen über Gehälter und Gehaltsverhandlungen sprechen: Wie machen das Freund*innen, was verdienen sie? Aus Scham und Tabuisierung reden wir viel zu selten über Geld.
Das Rentensystem verstehen: Wie wirken staatliche, betriebliche und private Rente in Deutschland zusammen und wie lassen sich alle drei Säulen am besten nutzen?
Die eigene Renteninformation lesen: Wie viel Rente bekomme ich einmal und reicht mir das zum Leben? Wie groß ist meine persönliche Rentenlücke, und wie kann ich sie selbst schließen?
Förderungen nutzen: Im geplanten Altersvorsorgedepot wird die private Altersvorsorge staatlich gefördert. Und pro Kind gibt es extra Förderung.
Care-Arbeit ausgleichen: Wer in einer Familie mehr unbezahlte Care-Arbeit übernimmt, sollte dafür finanziell entschädigt werden. Mit Geld für den Alltag, aber auch mit Geld für die eigene Altersvorsorge. Wer möchte, kann auch in einem Ehe- oder Partnerschaftsvertrag festhalten, wie man sich während einer Beziehung und auch im Falle einer Trennung finanziell fair zueinander verhält.
Eigenverantwortung übernehmen: Finanzen sind ein komplexes Thema, aber sie gehören zum Erwachsenenleben genauso dazu wie Zahnreinigungen. Je früher wir uns mit unserem Geld beschäftigen, desto größer der Effekt langfristig.
Wie schließen wir den Gender Pension Gap?
Andere Länder machen es vor. Die Gender Pension Gap ist kein naturgegebenes Schicksal, sondern das Ergebnis von Rahmenbedingungen in Wirtschaft, Politik und Steuersystem. Länder wie Dänemark oder Schweden zeigen: Bessere Kinderbetreuung, andere Rollenbilder und mehr Transparenz bei Gehältern senken Gender Gaps spürbar. Was müsste also in Deutschland passieren, damit die Gender Pension Gap sinkt?
Die Rahmenbedingungen ändern: Das Ehegattensplitting und die Steuerklassen 3 und 5 - eine Kombination, bei der die besser verdienende Person wenig und die schlechter verdienende Person viel Lohnsteuer zahlt - belohnen finanziell bis heute die klassische Rollenverteilung nach dem Modell „ein*e Hauptverdiener*in, ein*e Zuverdiener*in“. Stattdessen müsste Gleichberechtigung finanziell unterstützt werden.
Kinderbetreuung ausbauen: Kinder ab einem Jahr brauchen einen Rechtsanspruch auf Betreuung. Diese Kinderbetreuung muss gleichzeitig qualitativ besser werden. Wenn Eltern ein schlechtes Gefühl haben, während ihre Kinder fremdbetreut werden, hilft das niemandem.
„Frauenberufe“ aufwerten: Noch immer arbeiten mehr Frauen in Berufen, die rund um Haushalt und Fürsorge entstanden sind und die noch immer deutlich schlechter bezahlt werden. Das muss sich ändern.
Ungleiche Bezahlung beenden: Der Gender Pay Gap ist der Auslöser der Rentenlücke. Wäre es schlicht verboten, Frauen anders zu bezahlen, hätten Betroffene ganz andere Möglichkeiten.
Renten besser fördern: Wer viel Geld hat, kann leicht für die Rente vorsorgen. Wer aber jeden Monat kaum etwas übrig hat, kann weniger zurücklegen. Und weil sich die staatliche Förderung an der eigenen Sparleistung bemisst, bekommt diese Person auch weniger Zulage in Euro. Wer sich das Sparen gar nicht erst leisten kann, geht sogar ganz leer aus. Das verstärkt die Ungleichheit zusätzlich.
Care-Arbeit in der Rente stärker berücksichtigen: Unsere Gesellschaft funktioniert nur, weil sich jemand um Kinder und alte Menschen kümmert. Wer diese Fürsorge übernimmt, kann in dieser Zeit aber nicht parallel Erwerbsarbeit leisten. Das müsste in der Rente anders ausgeglichen werden.
Was die Zahlen nicht zeigen: Alle genannten Gaps bilden im Schnitt nur weiße Menschen ab. Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen, die sich in der binären Geschlechterverteilung gar nicht wiederfinden, sind von finanzieller Diskriminierung noch stärker betroffen. Belastbare Zahlen und Studien dazu fehlen bislang.
Die Gender Pension Gap ist kein Randthema. Sie beginnt schon beim ersten Gehalt und wächst mit jeder Teilzeitstunde und jeder Erziehungspause weiter. Wer das früh versteht, kann früh gegensteuern: über Geld sprechen, die eigene Renteninformation lesen und Care-Arbeit auch finanziell sichtbar machen. Der große Hebel liegt in der Politik, bei Ehegattensplitting, Kinderbetreuung und gleicher Bezahlung. Bis sich das ändert, zählt jede eigene Entscheidung fürs Alter doppelt.
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